Festrede von Dieter Penka zum 90jährigen Jubiläum

 

Wenn jemand seinen 90. Geburtstag feiert, dann mischt sich Dankbarkeit manchmal auch mit etwas Stolz, weil man vielleicht mit der richtigen Lebenshaltung dazu beigetragen hat, die Gefahren des Lebens zu meistern.

Dieser Vergleich hinkt natürlich – wie die meisten Vergleiche - denn bei einem 90-Jährigen kann man das Greisenalter und die Endlichkeit des Lebens kaum leugnen, während ein 90-jähriger Verein möglicherweise noch ein langes Leben und eine Zukunft voll jugendlicher Dynamik vor sich haben kann. Was man allerdings dazu beitragen kann, um diese altersbestimmenden Faktoren positiv zu beeinflussen, das liegt nicht unbedingt so offenkundig vor Augen. Dazu gehören natürlich die Fähigkeiten von Funktionären, aber in diesem Kreis muss ich nicht davon sprechen, welche Eigenschaften nötig sind, um seinem Verein optimal zu nutzen.

Vielmehr erscheint es interessant, diejenigen Faktoren ins Auge zu fassen, die unseren Verein dazu befähigt haben, ein Gemeinschaftsgefühl zu entwickeln, das sich selbst in den allerschwierigsten Zeiten der nationalsozialistischen Herrschaft als tragfähig erwiesen hat. Wie Ihnen wohl allen bekannt ist, wurden im Jahr 1935 alle DJK – Vereine verboten.

Zunächst erscheint es verwunderlich, dass harmlose Sportbegeisterte einer Regierung ein Dorn im Auge sein konnten, zumal der Sport damals sehr wohl als Aushängeschild angesehen wurde, das dem Ansehen des deutschen Reichs förderlich war. Vielleicht aber passte die Haltung der DJK – Sportler nicht in die Reihe der „Hurra – Schreier“, die man zur Verherrlichung des deutschen Wesens aktivieren wollte. Jedenfalls bewahrte sich der Gedanke der Zusammengehörigkeit durch all die schrecklichen Jahre der Entmenschlichung, durch alles Leid, das die Familien traf und durch die Zerstörungen des Krieges und führte dazu, dass sich im Jahre 1953 die selben jungen Sportkameraden wieder zur Neugründung der DJK – Rüppurr entschlossen.

Vielleicht lag der Antrieb hierzu in der religiösen Ausrichtung der Sporttreibenden, vielleicht auch einfach darin, dass echte Sportkameradschaft als Wert empfunden wurde, der das Leben bereichert.

In dieser echten Sportkameradschaft hängt die Akzeptanz der Sportkameraden nicht primär von der Leistung oder dem Spielergebnis ab, sondern von dem Bewusstsein, als Mensch auf einer Ebene zu stehen und sich im sportlichen Bemühen gegenseitig Anerkennung zu zollen.

Das Gegenteil dieser Haltung hatte man gerade im dritten Reich erleben müssen, wo der Sieg im sportlichen Wettkampf gleichzeitig als Triumph der arischen Rasse oder der Überlegenheit deutscher Erziehung gefeiert wurde.

Von diesem „Ungeist“ hatten sich die DJK-Sportler damals nicht vereinnahmen lassen und wenn man von den ersten Jahren nach der Wiedergründung der DJK-Rüppurr in unserer Chronik liest, dann hört man auch nichts von berauschenden sportlichen Erfolgen, sehr wohl aber von Kameradschaft, die nicht den strahlenden Erfolg brauchte, um ein festes Band der Zusammengehörigkeit zu schmieden.

Ich kann Ihnen auch aus neuerer Zeit ein Beispiel dafür nennen, wie diese Betrachtungsweise bei der DJK-Rüppurr umgesetzt wurde: Viele Jahre lang leitete Frank Mitschke unsere Fußball-Jugendabteilung mit großem Engagement und es war unter den Eltern der fußballbegeisterten Jugend in Rüppurr eine unangreifbare Gewissheit: Bei der DJK ist mein Kind gut aufgehoben. Auch in anderen Vereinen wurde gute Jugendarbeit geleistet, aber der wesentliche Unterschied lag darin, dass Franks Philosophie vehement dafür eintrat, jedem Kind eine sportliche Heimat zu bieten. Bei uns wurden Kinder auch dann für die Mannschaft nominiert, wenn sie nicht besonders begabt waren, obwohl sich mancher ehrgeizige junge Sportler gewünscht hätte, dass nur die besten Spieler zum Einsatz kommen, damit die Wahrscheinlichkeit eines Sieges erhöht wird.

In Franks Jugendarbeit stand aber etwas anderes im Vordergrund: Das sportbegeisterte Kind soll gefördert werden, um sein Leben zu bereichern und um ihn die Freude an der sportlichen Betätigung unter Freunden erfahren zu lassen. Dies ist nicht nur zutiefst menschlich gedacht, sondern für den Bestand eines Vereines auch sehr weitsichtig, da junge Menschen, die so behandelt werden, sich in ihrem Verein auch wirklich beheimatet und geborgen fühlen können. Ein legendär gewordener Ausspruch von Frank Mitschke bei der Betreuung einer E-Jugend-Mannschaft, die gerade mit 0 : 11 im Rückstand lag, war: „ Weiter Jungs, es kann nicht immer alles klappen!“.

Ein Verein, der nur auf Leistung setzt, wird sehr schnell die Mitglieder verlieren, die dem jeweiligen Leistungsanspruch nicht genügen, und auch diejenigen, deren Leistungsstreben nach noch höheren Zielen ausgerichtet ist. Lassen Sie mich hierzu noch ein Beispiel aus unserer Tischtennis-Abteilung nennen: Nachdem wir in den 70er - Jahren innerhalb weniger Jahre von den untersten Klassen bis in die Oberliga aufgestiegen waren, hatte unsere Damenmannschaft sogar die Chance, an den Aufstiegsspielen zur Bundesliga teilzunehmen. Dabei erhob sich natürlich die Frage, ob wir unsere Erfolgsaussichten in einer so hohen Spielklasse nicht durch den Einkauf stärkerer Spielerinnen verbessern sollten. Dieser Versuchung haben wir damals widerstanden und widerstehen ihr auch bis heute, denn es war den Verantwortlichen bewusst, dass auf diese Weise ein Verrat an der eigenen Identität und an der Kameradschaft begangen würde. Der Einkauf fremder Spieler würde ja gleichzeitig bedeuten, dass diejenigen, die sich den Aufstieg in die hohe Spielklasse erkämpft haben, plötzlich zurückgesetzt würden, um leistungsstärkeren Legionären Platz zu machen. So wird also das Streben nach immer höheren sportlichen Zielen zur moralischen Frage: Ist es nicht zu teuer bezahlt, wenn wir die Prinzipien unseres kameradschaftlichen Zusammenhalts dafür opfern, dass wir Spieler einkaufen, um eine noch höhere Spielklasse zu erreichen?

Gott sei Dank wurde die moralische Festigkeit nicht auf eine allzu harte Probe gestellt, weil ohnehin kein Geld vorhanden war, um in eine halb-professionelle Vereinsgestaltung einzusteigen.

Bisher hielt sich also die DJK-Rüppurr fern von diesem Trend, mit dem Einsatz von Geld die Attraktivität des Vereins zu verbessern. Aber ist diese Haltung noch zeitgemäß oder sollte man die Zeichen einer veränderten Gesellschaft anders deuten und die Ausrichtung der Vereinspolitik den neuen gesellschaftlichen Gegebenheiten anpassen?

Vieles spricht dafür, denn offensichtlich sind die Zeiten vorbei, wo junge Menschen noch voller Dankbarkeit dafür waren, dass man ihnen mehrmals in der Woche ihren Lieblingssport ermöglichte. Das kann man noch bei kleinen Kindern erleben, aber bei vielen Jugendlichen und Erwachsenen steht die Unverbindlichkeit an erster Stelle. Man möchte zwar Sport treiben, aber nicht unbedingt die Geselligkeit und das Zusammengehörigkeitsgefühl pflegen. Eine veränderte Einstellung erlebt man auch insofern, als zwar eine Gebühr von 40 € im Monat für die Trainingsmöglichkeiten im Fitnessstudio akzeptiert, der Vereinsbeitrag von 14 oder 15 € aber als unangemessen teuer beklagt wird, obwohl er – auf die Zahl der möglichen Übungsstunden umgerechnet - nicht einmal einen € pro Stunde ausmacht.

Ein Fitnessstudio besucht man, wann man will und man verlässt es, wann man will. Man ist unabhängig und man hat keine moralischen Verpflichtungen gegenüber dem Betreiber des Studios. Sollte sich diese Tendenz verstärken, wäre es mit Sicherheit das Ende des ehrenamtlich geführten Sportvereins, denn wie sollte sich aus den Reihen solcher Sportler jemand finden, der freiwillig ein Amt übernimmt und eine große zeitliche Verpflichtung eingeht? Um die Diskrepanz zwischen der früheren Haltung zum Vereinssport und den heute oft anzutreffenden Einstellungen zu verdeutlichen, möchte ich einen Leitspruch zitieren, der früher dort an die Wand geschrieben war, wo sich damals auch der Stammtisch befand. Dort war zu lesen:

„Gott zum Gruß, bei frohem Spiel
hoch und hehr sei unser Ziel,
treu und tapfer sei´s geschafft,
Heil dir, Deutsche Jugendkraft“

Man kann es als berechtigt ansehen, dass dieser Spruch übertüncht wurde, da er heutzutage oft nur ein Schmunzeln oder ein verständnisloses Kopfschütteln hervorrufen würde. Welche jungen Leute können sich denn unter einem „ hehren Ziel“ noch etwas Konkretes vorstellen?

Ein „hehres“, ein erhabenes und fast heiliges Ziel klingt in unseren Ohren etwas zu hochtrabend, aber mir erscheint es wichtig, dass man sich Rechenschaft darüber gibt, welche Ziele in einem Verein angestrebt werden.

Die vorhin geschilderte Philosophie in der Fußball-Jugend ist ein eindrückliches Beispiel dafür, dass hier die Würde jedes einzelnen Jugendlichen als höherer Wert eingestuft wird als die sportliche Spitzenleistung.

Die jahrelange zeitintensive Betreuungsarbeit eines jeden Jugendtrainers zielt auf den hohen Wert ab, den Jugendlichen ein Geschenk fürs Leben zu machen, indem man sie an den Sport und die Kameradschaft innerhalb einer Mannschaft heranführt. Auch das ist ein „hehres Ziel“, und um dieses zu erreichen muss man auch – wie es in dem Leitspruch heißt – treu und tapfer dabeibleiben, was nicht immer leicht fällt.

Auch das ist ein hohes Ziel, wenn ein Verein oder eine Abteilung über die engen Vereinsgrenzen hinausdenken kann und im Nachbarverein nicht nur den Konkurrenten sieht, sondern Gemeinsamkeiten entdeckt, die man dann z.B.in Spielgemeinschaften oder in gegenseitigen Hilfestellungen zu erreichen sucht. Das ist seit Jahren bei uns in allen Abteilungen gelungen und so kann man daraus schließen, dass der Geist dieses DJK-Leitspruchs durchaus noch seine Gültigkeit hat.

Die Frage ist allerdings, ob diese Feststellung nicht nur für die Älteren gilt und ob auch die Jüngeren fähig und willens sein werden, den Verein in diesem Geist weiter zu führen.

Bei einer DJK-Sitzung auf höherer Ebene wurde kürzlich darüber diskutiert, ob man statt Deutscher Jugend Kraft künftig nicht dynamisch, jung, kreativ aus dem Vereinsnamen herauslesen sollte.

Viele von uns haben ob unseres fortgeschrittenen Alters darüber geschmunzelt, denn wird nicht das Dynamische und das Kreative eher der Jugend zugeschrieben?

Darauf möchte ich hier keine Antwort geben, sondern diesen Vorschlag zur Umdeutung des DJK-Namens eher als Appell formulieren:
Unsere Sportgemeinschaft ist ein Wert, der in heutiger Zeit nicht so einfach weiterbesteht. Zur Erhaltung wird Dynamik und Kreativität junger Mitglieder notwendig sein. Denn sie spüren am deutlichsten die Erfordernisse der sich verändernden Gesellschaft und können angemessen darauf reagieren. Nur wenn auch jüngere Vereinsmitglieder sich dessen bewusst sind, dass ihr persönlicher Einsatz für das Überleben des Vereins erforderlich ist, kann das bisher Erreichte Bestand haben und die neuen Herausforderungen bewältigt werden.

 

 






(C) 2011 - Alle Rechte vorbehalten  |  

Sitemap

  |